Junge Frau mit langen roten Haaren ballt die Faust als Ausdruck ihrer Freude, etwas geschafft zu haben
26.01.2021

Die Wechselwirkung von Körper und
Psyche gewinnbringend nutzen

Text: Ursula Mitteregger

Die Auswirkungen der Körperhaltung auf die psychische Verfassung sind enorm. Die Kenntnis darüber und das Wissen, wie Sie diese Wechselwirkung für sich nutzen können, stärkt nicht nur Ihre Selbstwirksamkeit, sondern lässt Sie auch (selbst-)bewusster und gesünder durch den Alltag gehen.

Wann waren Sie das letzte Mal stolz auf sich? Ganz gleich wie lang das zurückliegen mag, jeder kennt das Gefühl, wie es ist, wenn man eine Herausforderung positiv gemeistert hat. Das kann zum Beispiel eine bestandene Prüfung, ein gewonnenes Spiel oder das Einhalten einer wichtigen Deadline sein. Vermutlich waren Sie zu diesem Zeitpunkt guter Stimmung, voller Freude, vielleicht auch Erleichterung – aber eines mit Sicherheit: Stolz auf sich! Damit einhergehend dürfte auch Ihre Körperhaltung dieses Gefühl entsprechend ausgedrückt haben. Denn dass sich das psychische Erleben in unserem Körper widerspiegelt, das ist nicht nur bereits dem Evolutionsforscher Charles Darwin im Jahr 1872 aufgefallen, sondern es wurde auch von Weisfeld und Beresford im Jahr 1982 wissenschaftlich untersucht und bestätigt. Die beiden Forscher fanden heraus, dass sich das, was wir psychisch erleben, sich auch sichtbar in unserem Körper ausdrückt – und umgekehrt. Die Informationen dazu speichert das Gehirn in verschiedenen Arealen ab und bewertet sie im limbischen System.

Körper bedingt Psyche: Wie Gesichtsausdrücke Emotionen erzeugen

Viele Untersuchungen haben sich auch mit dem sogenannten Bodyfeedback befasst, wie es in der psychologischen Fachsprache genannt wird. Dieses bezeichnet die Rückmeldungen, die das psychische System aus dem Körper bekommt. Ist dieses Feedback im Gesicht erkennbar, spricht man vom sogenannten Facialfeedback, welches der Forscher Paul Ekman im Jahr 2003 beschrieben hat. Er hat im Zuge seiner Arbeit über 10.000 verschiedene Gesichtsausdrücke entdeckt, zu denen das menschliche Gesicht fähig ist. Auf ihn geht außerdem die bahnbrechende Erkenntnis zurück, dass Gesichtsausdrücke entsprechende Emotionen im Menschen hervorrufen.  

Schon weit früher, nämlich im Jahr 1982 untersuchten die Wissenschaftler Riskind und Gotay wie sich die Körperhaltung auf die Psyche auswirken kann. Dafür versetzten sie eine Versuchsgruppe in eine stark nach vor gekrümmte Körperhaltung, eine andere Testgruppe hingegen in eine aufrechte Position. Nach acht Minuten in der jeweiligen Körperhaltung wurden die Teilnehmer direkt im Anschluss dazu angehalten, eine frustrierende Aufgabe zu lösen. Sie mussten ein Puzzle zusammensetzen und es wurde gemessen, nach wie vielen Teilen Sie frustriert aufgaben und zum nächsten Puzzle übergingen. Die Ergebnisse waren bemerkenswert, denn die Gruppe, die zuvor die gekrümmte Körperhaltung eingenommen hat, hatte eine deutliche niedrigere Frustrationstoleranz. Sie gaben bereits nach rund elf Puzzleteilen auf, während hingegen die Gruppe, die zuvor die aufrechte Körpereinhaltung eingenommen hat, erst nach rund 17 Puzzleteilen die Aufgabe beendete. Die Forscher kamen zu dem Schluss, dass eine gekrümmte Körperhaltung negative Gefühle wie Hilflosigkeit oder Versagensangst hervorrufen kann. Eine aufrechte Körperhaltung hingegen kann positive Empfindungen auslösen und die Selbstwirksamkeit stärken. Erkenntnisse, welche sich auch in einer von der Universität Aarhus in Dänemark, der Columbia University in New York und der Universität Witten/Herdecke durchgeführten Metaanalyse zu den Auswirkungen der Körperhaltung auf die Psyche im Juni 2020 bestätigten.

Embodiment: Die Manifestation der Psyche im Körper

Sämtliche beschriebenen und erforschten Phänomene über den Zusammenhang von Körper und Psyche lassen sich in einem einzigen Begriff zusammenfassen: Embodiment. Übersetzt bedeutet er so viel wie „Verkörperung“ und bezeichnet, dass „der Geist (also: Verstand, Denken, das kognitive System, die Psyche) mitsamt seinem Organ, dem Gehirn, immer in Bezug zum gesamten Körper steht. Geist/Gehirn und Körper wiederum sind in die restliche Umwelt eingebettet.“[1]

 

Durch Embodiment zum Meister unserer Gefühlswelt?

Durch clever gewähltes Embodiment sind wir also dazu imstande, unsere Emotionen gezielt zu beeinflussen. Weiter noch können wir uns damit in eine psychische Verfassung katapultieren, die wir bei anderen stets als bewundernswert erachtet haben und die wir für uns selbst als erstrebenswert ansehen. Freilich meinen wir dies aber in einem gesunden Ausmaß. Gezieltes Embodiment soll Ihnen schließlich Ihren Alltag erleichtern, indem es sie selbstbewusster und selbstsicherer macht. Sich mit der Kenntnis über Embodiment „überzuoptimieren“ und sich womöglich keine negativen Gefühle wie Wut oder Trauer mehr einzugestehen, darf jedenfalls nicht das Ziel sein. Denn Gefühle haben nun mal ihre Berechtigung und sind dazu da, um gefühlt zu werden, denn nur so können sie auch gesund bewältigt werden. Wie und wo in unserem Körper übrigens Gefühle entstehen und warum wir mal so und mal ganz anders in bestimmten Situationen reagieren, lesen Sie übrigens in unserem Artikel über das limbische System. 

Gesundes Embodiment soll Sie in Ihrer Entscheidungsfreiheit unterstützen, in dem Sie dadurch, dass Ihnen die Wechselwirkung zwischen Körper und Psyche bewusst ist, frei wählen können, welche psychische Verfassung sich in Ihnen ausbreiten soll. Mit der sogenannten Basis-Embodiment-Haltung schaffen Sie die nötige Grundlage dazu.

Von der Wechselwirkung von Körper und Psyche profitieren

Die Basis-Embodiment-Haltung entspricht der natürlichen Anatomie des Menschen, in der der Körper ideal aufgespannt ist. In dieser Haltung stehen die Knochen und Gelenke so zueinander, dass sie eine aufrechte Körperposition optimal ermöglichen. Sie fühlt sich „entspannt aufgespannt“ an und wird auch als „Vitaltonus“ bezeichnet. Der Informationsaustausch zwischen Nerven und Gehirn kann dabei reibungslos funktionieren und Ihnen so die oben erwähnte Handlungsfreiheit ermöglichen. Diese Haltung beschreibt Benita Cantieni als die ideale Ausgangsposition, um sämtliche Emotionen und Stimmungen intensiv und bewusst zu erleben. Sie versetzt uns nämlich in die Lage, auf Gefühlslagen möglichst entspannt und spontan angemessen zu reagieren, entsprechend zu handeln – und danach wieder in die Basis-Haltung zurückzukommen. Auch die Techniken des Qigong zielen auf diese Balance ab.

Die optimale Basishaltung einnehmen

Die Basis-Embodiment-Haltung hat nicht nur den Vorteil, dass Sie es (mit etwas Übung) schaffen werden, über Ihre Körperhaltung Ihre Stimmung gezielt positiv zu beeinflussen, sondern Sie verleiht Ihrem Körper auch eine gesunde muskuläre Basis. Durch die Aufrichtung der Wirbelsäule und die optimale Aufspannung des Körpers generell, werden Muskeln wie der Beckenboden, die stabilisierenden und gleichsam mobilisierenden Muskelfasern im Rücken (musculi multifidii) sowie die tiefliegende Bauchmuskulatur aktiv. Allesamt brauchen wir, um eine gesunde aufrechte Haltung überhaupt einnehmen zu können. Des Weiteren bilden Sie die so wichtige Basis für jegliche Bewegung, damit sich diese ideal im Körper entfalten kann. 

Schritt für Schritt Anleitung

  1. Füße ausrichten: Stellen Sie die Füße in leichter V-Stellung und in Hüftbreite auf. Verankern Sie dabei die Mitte der Ferse und das Großzehengrundgelenk mit dem Boden. Achten Sie darauf, dass Ihre Knie entspannt sind.
  2. Becken aufrichten: Verlängern Sie gedanklich die Sitzbeinhöcker, das Schambein und Steißbein Richtung Ferse.
  3. Wirbelsäule aufspannen: Richten Sie sich bewusst auf. Ziehen Sie dazu den Scheitel gedanklich zum Himmel. Spüren Sie, wie die Wirbelkörper mehr Raum bekommen.
  4. Kopf hoch: Der Kopf bildet das Ende der Wirbelsäule und thront bildlich gesprochen nahezu ohne Gewicht auf dem letzten Halswirbel.
  5. Beckenboden aktivieren: Ziehen Sie die Sitzbeinhöcker leicht zusammen (= den Po etwas zusammenkneifen) und ziehen Sie den Bauchnabel ein wenig Richtung Brustbein nach oben.
  6. Schultern setzen: Ziehen Sie die Schlüsselbeine gedanklich sanft auseinander und lassen Sie die Schultern nach hinten unten sinken. Achten Sie darauf, dass Ihre Arme entspannt neben dem Körper hängen.
  7. Vertikale dehnen: Spannen Sie sich von der Fußsohle bis zum Scheitel in die Vertikale auf und entspannen Sie bewusst in diese Haltung hinein.

Wie geht’s Ihnen damit? 

Schreiben Sie uns doch an bepartof@yo-lo.net. Wir sind gespannt auf Ihre Erfahrungen! 


[1] Storch Maja, Cantieni Benita, Hüther Gerald, Tschacher Wolfgang, 2017, Embodiment – Die Wechselwirkung von Körper und Psyche verstehen und nutzen, 3., unveränderte Auflage, Hogrefe Verlag, Bern, S. 15


Quellen: 


 

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